Interview mit Bassent Nada

Bassent Nada erhält das Trainershirt der TSG Frankfurter Berg von Lothar Höller, Abteilungsleiter Handball.

Interview geführt von Andrea Unkelbach, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung.

  • Name: Bassent Mohamed Samy Nada
  • Geburtstag: 25. Juli 1978
  • Geburtsort: Alexandria, Ägypten
  • Beruf: Chemieingenieurin

Wann hast du mit Handball angefangen?

Mit 8 oder 9. Zuvor habe ich Basketball gespielt. Ich habe einen älteren Bruder, der auch in der Ägyptischen Nationalmannschaft gespielt hat. Ich habe an ihm gehangen und immer gespielt, was er gespielt hat. Als sie unser Basketballteam aufgelöst haben, hat mich die Schwester meiner Freundin, die damals Torhüterin der Handball-Nationalmannschaft war, gefragt, ob ich ins Handballteam wechseln wollte. Ich bin hingegangen, es hat mir gefallen und ich bin dabeigeblieben.

Nada

Was magst du am Handball?

Den Kampfgeist! Ich bin eine Kämpferin und ich mag es nicht aufzugeben. Ich bin sehr sportlich, ich könnte viele Sportarten ausüben, aber das Schöne am Handball ist, dass du bis zur letzten Sekunde spielst. Im Gegensatz zu Fußball, z.B. Deutschland gegen Ägypten, weißt Du von vorne herein, dass Deutschland gewinnen wird. Aber beim Handball ist es anders, du weißt bis zur letzten Sekunde nicht, wer gewinnen wird.

Nada

Stammst du aus einer sportlichen Familie?

Mein Bruder und ich waren sportlich und mein Vater, er war mal Boxer.

Nada

Hat deine Familie dich unterstützt?

Ja, sehr. In unserem Land ist es nicht alltäglich für eine Frau einen solchen Sport auszuüben. Meiner Familie ist die Ausbildung sehr wichtig. Wir sind alle Ingenieure oder Ärzte. Meine Schwester z.B. ist Kerningeneurin.
Als ich so gut im Sport war, hatten meine Eltern befürchtet, dass dies meine Ausbildung beeinflussen könnte. Vor meinem Schulabschluss, vergleichbar dem deutschen Abitur, wollte meine Mutter, dass ich mit Sport aufhöre. Zu dieser Zeit habe ich bereits in der Nationalmannschaft gespielt. Ich war mit 16 sogar die Jüngste im Kader. Ich habe ihr versprochen, dass ich hart für die Schule arbeiten würde, weil ich auch Ingenieurin werden wollte.
Im Folgejahr fand die “African National Championship” statt. Wir haben 4 Tage pro Woche in Kairo trainiert, was eine zweistündige Anreise für mich aus Alexandria bedeutete. Die anderen 3 Tage der Woche habe ich zu Hause für meinen Abschluss gelernt. Ich habe bei jeder Gelegenheit gelernt, im Zug, in den U-Bahnen, einfach überall. Es war eine harte Zeit für mich. Aber als meine Familie gesehen hat, dass ich wirklich hart arbeite, haben sie mich beim Handball unterstützt.
Ich habe bei vielen Wettkämpfen in Afrika teilgenommen. Ich hatte ein Angebot aus Tunesien, um für ein Jahr dort zu spielen, im Anschluss hätte ich in Frankreich gespielt. Ich war noch immer sehr jung und es war mein erstes Jahr in der Ingenieursfakultät. Aber meine Mutter hat meine Handballkarriere dann beendet. Sie meinte, ich solle zunächst meine Ausbildung zur Ingenieurin abschließen, danach könnte ich so viel Sport professionell machen, wie ich wolle. Sie hatte nicht verstanden, dass man ein solches Angebot nur einmal in seinem Leben bekommt.
Aber ich denke, es sollte so sein. Meine Familie, insbesondere meine Mutter hat mich immer unterstützt und stand hinter mir. Ich wäre nie geworden, was ich bin, wenn sie mich nicht so unterstützt hätte.

Nada

Wie ist Handball in Ägypten, auch verglichen mit deutschem Handball?

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich vergleiche gerne kulturelle Unterschiede.
In Ägypten sind wir sehr streng mit den Kindern. Wenn sie 7 oder 8 Jahre alt sind, haben sie gut 4 Mal pro Woche Training. Sie sind in diesem Alter auf den internationalen Wettbewerben sehr stark. Aber wenn Sie älter werden, Teenager, sind sie “durch” und die Europäer werden stärker, obwohl diese nicht so strenge trainiert wurden. Die Ägypter verbrennen so ihre Kinder. In Europa werden die Kinder Schritt für Schritt trainiert. Das macht mich traurig, wenn ich sehe, wie die Kinder in Ägypten behandelt werden.  In Deutschland sind die Trainer sehr leise und ruhig beim Training.
Ein anderer Unterschied ist, dass es in Deutschland 7 Ligen unterhalb der Bundesliga gibt. Es gibt hier viele Teams aus denen due die besten Spieler für die Nationalmannschaft rekrutieren kannst. In Ägypten haben wir in Relation zur Bevölkerung viel weniger Leute, die überhaupt Handball spielen.  Das System ist einfach völlig anders. Um Mitglied in einem Sportverein zu sein ist sehr teuer. Viele Leute und Kinder können sich eine Mitgliedschaft nicht leisten. Es ist vielleicht 20 % – 30 % der Kinder nur möglich in einem Verein Sport zu betreiben. Und die übrigen 70 % müssen sehr viel Glück haben, um auf der Straße entdeckt zu werden, um durch ihre Leistung in einem Verein als Spieler aufgenommen zu werden.
Ein weiterer Unterschied ist die Ausstattung. Als ich zum erste Mal in die Halle gekommen bin, wo die TSG Handball trainiert (Dreifeldhalle im Sportpark Preungesheim), war das mehr als was ich mir in meiner Kindheit erträumt hätte. In Ägypten gibt es solche Hallen einfach nicht. Zu meiner Zeit waren die Tore leer, also sie hatten kein Netz, ich wagte nur von einem Tor mit Netz zu träumen. Ich musste immer 20 Meter laufen, um den Ball zu holen. Für das ganze Team hatten wir beim Training nur 3 Bälle, in Deutschland hat jedes Kind beim Training einen Ball für sich.
Was sich zusätzlich noch auswirkt: überall in Deutschland gibt es Spielplätze, wo die Kinder ganz natürlich Balance, Klettern und Schwingen oder Hängen auf Klettergerüsten lernen. In Ägypten müssen die Kinder das erst beim Handballtraining lernen. Kinder in Europa können mit 3, 4 oder 5 schon Fahrrad fahren. Kinder gehen hier mit ihren Eltern joggen oder in den Bergen wandern. Sie haben schon entsprechende physischen Fähigkeiten. Die Kinder in Ägypten können das nicht. Sie haben die Fertigkeiten noch nicht gelernt. Sie können teilweise nicht laufen. Ich mache keine Witze, ich habe Kinder trainiert, die wussten nicht, wie man rennt.
Speziell zu Frauen, die aus einem arabischen Land kommen, besteht der Unterschied, dass wenn sie Teenager, etwa 14 Jahre alt werden, sind sie nicht mehr daran interessiert ihren Sport fortzuführen. Sie konzentrieren sich auf ihre Ausbildung und auf Jungs. Meist bleiben nur 2 oder 3 gute Spielerinnen übrig. Es ist ganz anders in Deutschland, die Mädchen hier spielen einfach weiter Handball.

Nada

An welchen (internationalen) Turnieren hast du teilgenommen? Gibt es in Afrika einen Wettkampf vergleichbar der Europäischen Meisterschaft?

Ja, wir haben die Afrikanische Olympiade. Es wird nicht nur Handball ausgetragen, wie bei der Europameisterschaft im Handball oder Fußball, sondern alle Sportarten werden gleichzeitig ausgetragen. 1995 habe ich an der Afrikanischen Olympiade in Simbabwe teilgenommen sowie an den „Arab Competitions“.
Meine Heimatmannschaft war nicht sehr stark im Ägyptischen Vergleich, also haben wir nicht am „Afrikansichen Champtionship“ Turnier teilgenommen. Aber der Stärkste Verein Ägyptens „Alexandria Sporting Club“ hat mich angefragt. Also habe ich für diesen Verein (also nicht im Nationalteam) am „African Championship“ teilgenommen. Je einmal in Nigeria, in Tunesien und in Jordanien.
Der ägyptische Frauenhandball hatte sich nicht für die Olympischen Spiele qualifiziert. Allerdings waren die Männer sehr gut. In den 90ern waren sie sogar die 4. besten in der Weltrangliste.

Nada

Also würdest du zustimmen, dass in Ägypten der Männerhandball beliebter ist, als der Frauenhandball?

Definitiv. IN den 90ern hatten wir das sogenannte “Golden Team” oder „The Great 7th “ – und das war meine Generation! Dieses „Golden Team” hatte großen Einfluss auf den Ägyptischen Sport. Zuvor waren nur alle verrückt nach Fußball. Aber mit dem Erfolg dieses „Golden Teams“ haben viele Kinder mit Handballtraining angefangen. In unserem Verein waren bestimmt 60 Kinder, die Handball lernen wollten. Heute ist Handball nur noch in großen Städten beliebt, nicht in den ländlichen Gegenden, dort gibt es einfach kein Geld und keine entsprechende Ausstattung.

Nada

Wann hast du aufgehört, professionell Handball zu spielen?

Als ich 23 Jahre alt war. Ich habe bis dahin ca. 8 Jahre für die Nationalmannschaft gespielt.

Nada

Du bist auch Handballtrainerin – vielen Dank, dass Du Dich unserer E-Jugend angenommen hast. Wann hast Du angefangen als Handballcoach tätig zu sein? Hast Du auch Jungen trainiert?

Als ich meine aktive Handball-Karriere beendet habe. Sie haben mich gefragt, ob ich ein Team von kleinen Mädchen trainieren wolle, was sehr gut geklappt hat.
Jungen habe ich nie trainiert, ich habe höchstens anderen Trainern von Jungenmannschaften assistiert.

Nada

Nach welchen Überzeugungen trainierst du die Mädchen?

Ich hatte das große Glück einen sehr guten Coach zu haben, als ich als Handballtrainerin anfing. Es war der damalige Trainer des männlichen Nationalteams. Er war ein sehr aufgeschlossener Man. Er hat mir gesagt, dass die Kinder das Spiel lieben müssen. Du musst sie dazu bringen Handball zu lieben. Das wichtigste ist, dass sie Spaß haben. Wenn die Kinder dich lieben, ist es schön jedem Einzelnen was geben zu können.
Für ein professionelles Training ist es wichtig einen Plan zu haben. Es fängt an mit dem Aufwärmen und endet mit dem Ziel des Tages. Man hat 1,5 Stunden. Man muss sich klar werden, was man den Kindern beibringen möchte. Wenn ich mich entscheide z.B. die Verteidigung zu üben, ist bereits das Aufwärmen auf die späteren Verteidigungsübungen und Strategien abgestimmt.
Was ich den Müttern meines Teams in Ägypten immer gesagt habe, dass es wichtig ist für die Kinder Sport zu machen. Falls nicht, schlagen sie vielleicht andere Richtungen ein. Es kann nicht jeder im Nationalmannschaft speilen, aber sie lernen Fertigkeiten, sie macht sie unabhängig, sie lernen wie sie miteinander umgehen sollen. Sport kann Kinder davon abhalten NUR mit Jungs/Mädchen „abzuhängen“, sie von Alkohol und Drogen fernhalten. Ich denke, dass Sport sehr wichtig für die Jugend ist. Jedes einzelne Kind kann Sport machen.

Nada

Wann bist du nach Deutschland gekommen?

Vor zwei Jahren. Zuvor (seit 2007) sind wir immer für ein paar Wochen im Sommer nach Deutschland gekommen.

Nada

Konntest du in Deutschland weiter Handball spielen?

Nein, noch nicht. Als ich nach Deutschland kam, wollte ich zunächst meinen Deutschkurs abschließen und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Dann wollte ich meinen Führerschein machen, da ich immer bis zu 4 Kinder durch die Gegend fahren muss. Aber ich vermisse den Sport sehr. Ich suchte im Internet nach Handballangeboten. Ich hoffe bald im Frauenteam der TSG Frankfurter Berg spielen zu können.

Nada

Du hast uns viele Beispiele genannt, was Ägypten in Sachen Handball von Deutschland oder Europa lernen kann. Was kann der deutsche Handball vom Ägyptischen lernen?

Wie ich schon sagte, Handball in Ägypten ist bei jungen Mannschaften sehr gut. Sie sind sehr engagiert im Wettkampf. Wenn Deutschland z.B. durch Trainingcamps mit Ägypten kooperieren würde, würden sie mit sehr starken jungen Mannschaften üben und beide Seiten könnten voneinander lernen – außerdem könnten die Deutschen die Sonne Ägyptens genießen.

Nada

Vielen Dank für deine Zeit, und die Informationen, die du mit uns geteilt hast.

Bassent Nada als neue Trainerin der E-Jugend des TSG Frankfurter Berg Mädchen-, und Frauenhandballs.

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